Vortrag im Rahmen des 80. Geburtstags von Alexander Langer, 22. 2. 2026, Akademie Meran, veranstaltet von Sinistra die Linke, Grüne/Verdi, Meran.
Die Tageszeitung „la Repubblica“ brachte im Mai 2025 (la Repubblica, 13. Mai 2025) eine Karikatur zum umstrittenen Sicherheitsdekret der Regierung Meloni. Karikaturist Biani zeigte ein hochrangiges Aufgebot von Gegnern der Regierungsverordnung. In einer Reihe mit Papst Franziskus, Mahatma Ghandi und Lidia Menapace, zwischen Franz von Assisi und Martin Luther King, findet sich auch Alexander Langer. Das satirische Gruppenbild belegt unmissverständlich: Seine Persönlichkeit ist in Italien unvergessen, seine Rolle als Politiker, Aktivist und Vordenker unbestritten. 30 Jahre nach seinem Tod, anlässlich seines 80. Geburtstages ist mit Nachdruck festzuhalten: Alexander Langer fehlt, sehr sogar – in Europa, Italien, in Südtirol. Seit Jahren häufen sich Themen und Krisenfelder, zu denen er ein gewichtiges Wort zu sagen hätte, wäre er noch unter uns. Aber er zog vor, am 3. Juli 1995 aus dem Leben zu scheiden, aus Gründen, die uns nichts angehen und verschlossen bleiben, allen spekulativen Vermutungen zum Trotz. Zu den menschlichen Grundfreiheiten und zur Würde einer Person gehört auch das Geheimnis, das jeden von uns umgibt.
Heute ist Langers 80. Geburtstag: Für unsereinen, der seinen Einsatz zu Lebzeiten aus respektvoller Distanz, trotz mancher Zustimmung auch in innerem Abstand verfolgt hat, gibt der Tag Anlass zu einigen Überlegungen. Dafür danke ich den Meraner Grünen und Alleanza Verdi Sinistra für die Einladung, die ich gerne angenommen habe. Über Langers Geburt liegt der Schatten von Krieg und Verfolgung. Wenn er am 22. Februar 1946 zur Welt kam, so bedeutet dies, dass er wohl im Mai 1945 gezeugt wurde, nahe dem Zeitpunkt, als der Krieg zu Ende gegangen war. Sein jüdischer Vater Arthur war eben aus seinem Fluchtort in der Schweiz nach Sterzing zurückgekehrt. Dort hatte Mutter Elisabeth Kofler, angesehene Apothekerin, als eine der wenigen Personen, die in Sterzing englisch sprachen, die einmarschierenden US-Truppen in der Kleinstadt am Brenner empfangen. Arthur und Elisabeth heirateten am 18. Juni 1945, im Alter von 45 und 36 Jahren war es für sie hohe Zeit, die von Krieg und Verfolgung sieben Jahre lang unterbrochene und verzögerte Verbindung definitiv zu begründen. Auch wenn man küchenpsychologische Mutmaßungen ablehnt, legt der Geburtstermin einige Gründe für Langers spätere Beschäftigung mit Frieden, Krieg und Versöhnung nahe. Wer an der Grenzlinie zwischen Krieg und Frieden zur Welt gekommen ist, dem / der liegen Themen von Frieden und kriegerischen Konflikten nicht allzu fern, auch Prägungen wirken nach.
Wir greifen in gebotener Kürze vier Kernthemen auf, denen sich der heute 80jährige zeitlebens passioniert widmete: Frieden, Gerechtigkeit, gesellschaftlicher Zusammenhalt und persönliche Würde. Trotz vorgerückten Lebensalters könnte sich Langer heute, falls er noch lebte, zu solchen Issues durchaus äußern und sich wie der noch ältere, ungebrochen vulkanische Bernie Sanders zu Wort melden – auch als Kronzeuge gegen die fortschreitende Diskriminierung Älterer. Langer war zudem, woran stetig zu erinnern ist, die einzige öffentliche Person aus Südtirol, die auf drei Ebenen mit beachtlicher, sogar großer Wirkung und weitreichender politischer Resonanz agierte: Als Regionalpolitiker im Lande selbst, auf nationaler Ebene als Mitbegründer der Grünen und Integrationsfigur einer unorthodoxen Linken, auf europäischem Level als parteiübergreifende Autorität. Keine andere politische Persönlichkeit nicht nur Südtirols, sondern auch der Euregio, so ist festzuhalten, bespielte die drei Bühnen mit ähnlicher Virtuosität. Der souveräne Wechsel innerhalb des Mehrebenen-Systems von Region, Staat und EU war aber auch – dies sei mit Nachdruck markiert – Stärke und Schwäche zugleich. Die Fähigkeit zum Wechsel, das stete Switchen zwischen öffentlichen Feldern war ein immenser Vorzug Langers. Der systematische Ausbau von Positionen aber, die strukturelle Festigung, die Übernahme von Institutionen waren seine Sache nicht. Die Sorge vor Immobilität und zuviel Stabilität bewahrte ihn gewiss vor Erstarrung und Selbstzufriedenheit. Sie war aber auch Ausdruck einer Unrast, die in der Formel des „viaggiatore leggero“, des beschwingten Reisenden oder des „solve et coagula“ beschönigend überspielt wird. Denn in den Hintergrund treten ihre negativen Aspekte, die Langer wohl kannte, ohne dass er sie beheben konnte. In seinen eigenen Worten: […] Insomma la lezione di [qualche tempo fa] quando più volte mi è mancato il respiro, non mi ha ancora guarito dalla mia malattia principale, quella di voler salvare il mondo e di non saper dire di no?“ (F. Levi, In viaggio con Alex, Milano 2007, p. 172) „Nein“ sagen zu können, Delegieren von Aufgaben, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu scheiden, über derlei Talente verfügte Langer nicht in wünschenswertem Ausmaß, dafür bedarf es anderer Referenzen. Vier Kernthemen also, die wir kurz anreißen.
Frieden als Zielutopie
Die letzten Langer-Lebensjahre standen unter dem Eindruck der Rückkehr der Nationalismen und des Kriegs nach Europa. Als er im Juni 1989 ins EU-Parlament gewählt wurde, schien mit dem Fall der Mauer und der Ostblock-Regimes der „Kalte Krieg“ beendet. Die Frontstellung von Ost und West, von Kapitalismus und Kommunismus schien der Vergangenheit anzugehören, der Siegeszug des Liberalismus wirkte unstoppable, eine pax americana und das Modell des Westens standen auf dem Siegerpodest. Der Rest des Planeten, zumal der Globale Süden sollte sich gefälligst anschließen – so der häufig gehörte Tenor – auch die arabisch-islamische Welt sollte folgen. China tat dies bereits damals und beschritt einen konsequenten Weg des autokratischen Kapitalismus, mit Zielsetzungen und Erfolgen, die 1989 nicht absehbar waren. Aber nicht nur der kapitalistische Westen, auch die von 1980 bis 1984 hoch aktiven Friedensbewegungen schienen 1989 gesiegt zu haben. Konflikte, so sah es aus, waren auch auf friedlichem Weg überwindbar, Unrechtsregimes hätten keine Zukunft, sondern würden in sich zusammenfallen, so die Hoffnung, die aber bereits mit dem Kuwait-Krieg 1990/01 verflog.
Aber Langer war politisch und menschlich von Jugend an zu hellsichtig, politisch erfahren, auch allzu argwöhnisch, um den Kartenhäusern der Illusionen zu glauben. Wenn er zwei Jahre nach Mandatsantritt im EU-Parlament, 1991 mit einer Delegation durch Serbien-Kosovo und Israel reiste, hielt er seine Eindrücke illusionslos fest. Den serbischen und den albanischen Nationalismus einerseits auf dem Balkan, zum anderen im Nahen Osten den israelischen Siedlerkolonialismus mit brutalem Vorgehen gegen Palästinenser im Westjordanland und in Jerusalem, erkannte er nicht als Relikte der Vergangenheit, die bald verschwunden wären, sondern ortete in ihnen die Vorhut weiterer Verschärfung. Für bereits damals als zu schwach bewertete er die Kräfte des Ausgleichs, den Willen von Regierungsparteien und Zivilgesellschaft, eine Friedensperspektive ins Werk zu setzen. Langer, der die toxische Dynamik des Nationalen zu gut kannte, sah die weitere Verhärtung mühelos voraus, antizipierte sogar ihre Folgen. Aber er konnte nicht ahnen, wie aus dem Zerfall der bipolaren Welt des Ost-West-Konflikts im Verlauf der folgenden drei Jahrzehnte eine zerstörerische Multipolarität hervorwuchs, die in den 1990er Jahren entstand und ihre destruktiven Kräfte gegenwärtig in fünf Varianten entfaltet:
– Als libertärer Technokapitalismus in den USA und in Teilen Europas;
– in der Gestalt einer neoimperialistischen Autokratie in der Russischen Föderation, –
– als hegemonialer Überwachungsstaat mit produktivistischer Wucht in China;
– als religiös fundierter Petro-Kapitalismus im mittleren Osten und in Arabien,
– als despotische, oft von außen gesteuerte Ausbeutungsregimes im globalen Süden, zumal in Afrika.
In diesem Fünfer-System bleibt Europa vorerst außen vor, zerrissen durch Unentschiedenheit, nationale Alleingänge, gelähmt durch fehlende Zielprojektionen und Visionen, zu oft in postkolonialen Verstrickungen und mit rechtspopulistischen Einflusszonen. Auch weitere Großregionen vor allem im sog. Globalen Süden bleiben der Fünfer-Package der Machtambitionen vorerst fern. Aber die neue Pentarchie pflegt ihre eigene Logik: Deals statt vertraglicher Verbindlichkeit, achselzuckende Indifferenz gegen internationales Recht, der eigene Vorteil im Mittelpunkt – Politik als Nullsummenspiel, mors tua – vita mea, das ist die Währung der Machtblöcke.
Langer konnte die Ansätze zur Multipolarität noch wahrnehmen, „derpacken“ musste er sie nicht mehr. Aber der in jüngster Zeit und in der Gegenwart verschärfte Niedergang der Menschen- und Völkerrechte, die schwindende Erinnerung und das Verdrängen der Folgen des Zweiten Weltkriegs, das Verdrängen der Entspannungspolitik, zumal des KSZE-Prozesses, der Generalangriff auf dern Klimaschutz, könnten ihn – so er noch lebte – vielleicht nicht nur deprimiert, sondern neu motiviert, sogar befeuert haben. In der Fülle, im Pandämonium aktueller Herausforderungen, helfen nur konkrete Zielsetzungen, tragfähige Netzwerke und Bündnisse, zu denen Langer allemal befähigt gewesen wäre. Vielleicht hätte er in kleinem Maßstab einen „Friedensrat“ entworfen, der – anders als das Trump’sche Kartenhaus des „board of peace“ oder besser „board of business“– Optionen einer zukunftsfähigen Politik entwickelt hätte: So etwa eine Verteidigungsstrategie für die Ukraine, ohne hemmungsloses „rearm Europe“, sondern durch Abstimmung der national aufgeblähten Verteidigungsstrukturen. Vielleicht hätte Langer mit Gleichgesinnten den Vorschlag einer EU-Initiative in Richtung Russland entwickelt, mit neuen Wirtschafts- und Kooperationsangeboten, die Frieden für eine souveräne und gesicherte sowie territorial tragbar beschnittene Ukraine ermöglichen würden, zugleich eine Wiederannäherung zwischen Europa und der Russischen Föderation. Langer wäre in der Lage gewesen, für ein solches Projekt auch transversale Parteien-Koalitionen zusammenzuführen.
Ebenso hätte er für den „Globalen Süden“, zumal für Afrika, mit anderen ein Projekt wirtschaftlicher und humanitärer Zusammenarbeit entwerfen können, das über die postkolonialen Ambitionen eines „Piano Mattei“ hinausführt. Und ja: Vielleicht hätte er in Europa eine „Kuba-Initiative“ lanciert, die mit Hilfslieferungen an Lebensmitteln, Medikamenten, ärztlicher Versorgung und gezieltem Wiederaufbau der Insel die aktuelle US-Blockade ebenso nachdrücklich wie dezent unterlaufen würde – als starkes Signal in Richtung Demokratisierung und gegen die Trump’sche Unterwerfungspolitik.
Auch in der fundamentalen Herausforderung Gaza hätte er scharf zwischen Staat und Armee Israels, den Parteien und der israelischen bzw. jüdischen Bevölkerung unterschieden. Gegen die steten Angriff auf palästinensische Menschen- und Bürgerrechte, gegen den Massenmord der IDF an Wehrlosen hätte er zu einem Forum in Europa beitragen können, in dem die Friedenskräfte in Israel und Palästina stärker hörbar geworden wären als dies jetzt der Fall ist. Womöglich mit dem spektakulären Vorschlag einer Ein-Staaten-Lösung, in der Palästinenser und Israelis in vielen Jahrzehnten hätten lernen können, vielleicht doch zu einem gedeihlichen Zusammenleben zu finden, in Abwandlung des bekannten Slogans: „From the river to the sea, only peace will make us free“. Auch wenn scheinbar völlig illusionär, hätten solche Vorschläge, wie sie auch der israelische Philosoph Omri Böhm lanciert, eine Alternative zum aktuell vorherrschenden Zynismus der Macht dargestellt. Aber bereits 1993 stellte Langer zur Rolle Europas skeptisch fest: „Ci è chiesto un ruolo di equilibrio e mediazione […] ma anche qualcosa in più: L’Europa comunitaria rappresenta non solo una prospettiva socio economica, ma anche una possibilità di stemperare i conflitti mediorientali e una cornice per affrontare le questioni piu spinose: da quelle di Gaza e Gerusalemme a quella del boicottaggio contro Israele. Non perdiamo il treno.“ (Levi, 185) Heute ist der Zug Europas und der EU im Nahen Osten nicht nur verloren, es sind auch die Geleise weitgehend zerstört. Aber umso wichtiger bleibt die Lektion Langers, weiterhin nach Auswegen zu suchen, Perspektiven zu entwickeln, in einer Position steten In-Betweens, des Dazwischen-Stehens, mehr Pro-Peace als Pro-Pal.
Gefährdete Gerechtigkeit stärken.
Betrachten wir kurz ein zweites Handlungsfeld, das Thema Gerechtigkeit. Dazu fragen wir zunächst: Wie würde Langer auf Italien heute blicken, auf den seit bald dreieinhalb Jahren etablierten Melonismus, dessen Ideologie nicht nur politisch konsensfähig ist, sondern längst in das Gewebe der Gesellschaft eingesickert ist – als ein Autoritarismus light, der Positionen der Rechten immer mehr als selbstverständlich erscheinen lässt. Getragen von einer Ökonomie, die vielfach auf Prekarität beruht, deren seit Jahrzehnte sinkende Niedriglöhne neben Ausbeutung verstärkt Auswanderung generieren. Sie treiben nicht nur „cervelli in fuga“, veranlassen also nicht nur „Gehirne“ zur Flucht außer Landes, sondern nötigen Menschen, „persone di intelligenza, capacità e vena creativa“ zu Zehntausenden zum Verlassen Italiens. Wie sähe Langer die Untätigkeit der Regierung gegen die sklavenartige Ausbeutung zehntausender Arbeitskräfte migrantischer Herkunft, die in Tomatenplantagen, Agrarbetrieben und Textilfabriken, als Raider in den Großstädten mit 4-Euro-Stundenlöhnen ihre Existenz fristen. Lenkt der Streit um die Justizreform nicht ab von diesen alltäglichen, wirklich himmelschreienden Formen sozialen Unrechts, von einer ingiustizia permanente, deren Beseitigung weit dringlicher ist als getrennte Karrieren von Richtern und Staatsanwälten?
Und wie sähe Langer die verbreitete, besonders von Regierungsseite gepflegte Gleichgültigkeit gegen Umwelt, Natur und Klima, die Überschwemmungen und Erdrutsche als unausweichlich hinnimmt und sie allenfalls mit Sonderzuweisungen kurieren will? Gerechtigkeit der Arbeitsbeziehungen und im Mensch-Natur-Verhältnis sind weiter denn je entfernt.
Die Rechte in und außerhalb der Regierung und ihr stiller Autoritarismus stützen sich auf ein Gesellschaftsbild, das oft vergessen wird und dessen Grundzüge wir uns immer wieder vor Augen halten sollten: Es beruht auf einer hierarchischen Vorstellung von Staat und Gesellschaft, die aus rechter Sicht vom durchgehenden Prinzip der Ungleichheit getragen sind. Denn das rechte, erst recht das rechtsextreme Weltbild, setzt eine Unterscheidung von Oben und Unten, die Hierarchisierung von Personen als naturhaft voraus. Diese Sichtweise bevorzugt die Regierung vor dem Parlament, sie setzt die Differenzen zwischen Arm und Reich als naturgegeben, sie begreift männliche Vorherrschaft nicht als säkularen Patriarchalismus, sondern als gesellschaftliche Grundkondition, stuft Migration und Migranten als Personen zweiter Klasse ein. Sie beschreibt Menschen migrantischer Herkunft nicht als persone o uomini, sondern als „esseri umani“, wie dies Meloni gerne tut, was sich dann nicht wie „menschliche“, sondern „menschenähnliche Wesen“ anhört. Und wie würde Langer das zerklüftete Terrain der Parteipolitik von Mitte-Links wahrnehmen, das in substanziellen Positionen fast noch weiter voneinander entfernt ist als PCI, PSI, Partito Radicale und außerparlamentarische Linker zu seinen Lebzeiten?
Die Annahme prinzipieller Ungleichheit, die die Rechte als „stillen Lehrplan“ progressiv zu verfestigen sucht, hat Langer vehement abgelehnt. Für ihn, der trotz bürgerlicher Herkunft mit Diskriminierung von Kindheit an vertraut war, für ihn, der dagegen zu geschärfter Wachsamkeit aufrief, waren Menschenwürde und Chancengerechtigkeit, Angleichung der Lebensverhältnisse, der Kampf gegen die verfestigte Klassenspaltung Antrieb zu hohem Einsatz, besonders in seiner ersten Politphase zwischen 1966–1978, ehe er sich nach der Rückkehr nach Südtirol vor allem der Ungleichheit der Sprachgruppen annahm. In der ersten Phase bis um 1980 gaben auch die Einkommenssteigerung in Europa, die Anhebung von Löhnen und Gehältern, die Eigentumsbildung unter Arbeitenden, die Festigung ihrer Rechte Anlass zu einigem Optimismus, der erst in der neoliberalen Phase seit den 1990er Jahren verflog. In der Gegenwart, in der Einkommen global zwar deutlich zugenommen haben, aber um den Preis einer ungeheuren Spreizung der Einkommen und Vermögen, im Auseinanderdriften zwischen Armut und Superreichen, hätte Langer mit großer Gewissheit für entschiedene Umverteilung plädiert. Durch Steuern auf Kapitalerträge, unter Verweis auf das notwendige Stopfen von Steuerschlupflöchern und -paradiesen, durch Vermögens- und Erbschaftssteuern.
Gesellschaftlicher Zusammenhalt
Eine Persönlichkeit wie Langer, der Mitmenschlichkeit über politische und soziale Differenzen hinweg als Wert zu pflegen wusste, eines Menschen, der Empathie und Zuwendung in kaum vorstellbarem Ausmaß verschenkte, hätte die aktuell fortschreitende Polarisierung und Feindbild-Produktion als unerträglich empfunden. Der zunehmende Hass, die Gewalthaftigkeit von Sprache und Handlungen, die Verrohung persönlicher und politischer Beziehungen, die Relegitimation von Gewalt im menschlichen wie zwischenstaatlichen Umgang hätte ihn deprimiert, aber wohl auch sein Handeln herausgefordert. Die seit geraumer Zeit aufsteigenden Kulturkämpfe, die Verfestigung ethnischer Feindbilder, der grassierende Antiislamismus wie der progressive Antisemitismus, die offene Legitimation rassistischer Äußerungen und Praktiken im Netz und im realen Alltag – sie wären Gegenstand einer luziden Analyse Langers geworden, aber auch eines ausgefeilten Handlungskatalogs, eines neuen Dekalogs des Zusammenlebens. Ein Langer-Vorschlag hätte die Abgründe digitaler Pseudokommunikation ebenso berücksichtigt wie Grundregeln zwischenmenschlichen Austauschs und ein entschiedenes Postulat völkerrechtlicher Verbindlichkeit. Er hätte die systematische Lüge, die neue Krypto-Währung politischer Kommunikation strikt abgelehnt, ihre semantischen Verdrehungen entlarvt, sie lächerlich gemacht und an ihre Stelle auf einer Wahrhaftigkeit des Dialogs bestanden. Er hätte darauf gesetzt, dass anhaltende Lügen-Emissionen, die von Trump bis JWA, von Putin bis Vannacci fortlaufend ausgestoßen werden, systematisch sanktioniert würden. Es wäre dafür eingetreten, dass die Tech-Großkonzerne, deren Algorithmen Dauererregung und Überreizung generieren, endlich an die Kandare genommen würden. Und er hätte mit Vergnügen gesehen, wie an einem einzigen Tag, nämlich gestern/vorgestern die Durchsetzung des Rechts auch vor einem englischen Royal, dem südkoreanischen Ex-Präsidenten und der Willkür Trumps nicht halt macht, sondern sich in klaren Untersuchungsbescheiden und Urteilen durchsetzt.
Die Frage der Würde
Angesichts der Großthemen Friede, Gerechtigkeit, gesellschaftlicher Zusammenhalt stellt sich die basale Grundfrage: Wie würde Langer mit diesem enormen Horizont an Herausforderungen umgehen? Würde ihn die Fülle der Probleme, die ungleich größer sind als die im Verlauf seines Lebens aufgetretenen, nicht restlos überfordern? Alex Langer hat das Gefühl dieser Überforderung eindringlich in Worte gekleidet in seinem Nachruf auf Petra Kelly, die im Oktober 1992 von ihrem Lebenspartner Gert Bastian ermordet wurde, ehe dieser selbst Suizid beging: „Forse è troppo arduo essere individualmente degli ‚Hoffnungsträger‘, dei portatori di speranza: troppe le attese, che ci si sente adosso, troppe le inadempienze e le delusioni, che inevitabilmente si accumulano, troppe le invidie e le gelosie di cui si diventa oggetto, troppo grande il carico di amore per l’umanità e di amori umani che si intrecciano e non si risolvono, troppa la distanza tra ciò che si proclama e ciò che si riesce a compiere“.
Persönlich bin ich aber überzeugt, dass es Alternativen zur Überforderung gibt: Ein alternder Langer, der die Versuchung des Suizids überwunden hätte, hätte vielleicht ungern, aber doch die Einsicht akzeptiert, dass ein Einzelner nicht in der Lage ist, nicht imstande sein kann, die Probleme der Welt durchgreifend zu erfassen, sie womöglich sogar zu lösen. Er hätte- – gewiss seufzend – aber mit klarem Blick vielleicht doch angenommen, dass allen, auch einem Solitär mit energetischer Hochbegabung, wie er es war, Grenzen gesetzt sind. Aber im Bewusstsein eigener Grenzen hätte er erklärend, klärend und ermutigend wirken können. Er hätte mit seiner Hellsicht Lagen bewertet und Lösungen aufgewiesen, die durchaus aufgegriffen werden konnten. Vom Meister der Selbsterschöpfung hätte er sich womöglich zum Meister der Ermächtigung gewandelt, zu einer Quelle der Inspiration und jener Ermutigung, die viele Menschen heute so sehr vermissen. Aber sein frühes Weggehen ist auch eine Lektion, die bis heute fortwirkt: Wir benötigen Autoritäten, Vordenker wie Langer, die vorausblicken und vorangehen, in eine Weite, deren Ausmaß nur sie selbst erahnen. Aber noch mehr angewiesen sind wir auf die Tatsache, dass wir selbst Einsichten gewinnen, selbst entscheiden und handeln müssen – ohne KI und Chatbots, auf uns selbst gestellt. Langer hat diese Welt verlassen, auch den großen Kreis seiner Freude und Anhänger, mit einer leisen Botschaft: Es ist unser, es ist Euer eigenes Denken und Handeln, die vor allem gefragt ist. Es ist ein langer Weg hin zu umsichtiger Entscheidung und Selbstermächtigung. Er ist riskant, gefahrvoll und vielleicht dem Scheitern ausgesetzt. Aber er ist der einzige, der bleibt. Er ist der Weg der Würde.
Hans Heiss